Tag 31-34: Santiago – Muxia (25.06.2017)

So vieles ist passiert in den vergangenen Tagen. Auf einmal scheint die ganze Welt auf den Kopf gestellt. Die Ankunft in Santiago und ein Tag Pause, ein letztes Abendessen mit den Camino-Freunden Lorena, Roger, Flavio, Abschiede, neue Freundschaften. Das Feiern, die Freude und auch das laute Treiben in der Stadt. Und dann die Stille und Abgeschiedenheit, wiedergefunden auf dem letzten Stück in Richtung von Santiago in Richtung Atlantik.

Eine Nachricht von zu Hause, ein schwerer Schicksalsschlag, hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ein langes Telefonat mit meiner Schwester führt mich auf den Weg zurück. Traurig, wütend und verzweifelt. Mehr denn je frage ich mich, warum ich genau auf diesem Weg bin. Das Ziel heißt „Atlantik“ – und doch auch wieder nicht.

Einmal mehr sind es die Begegnungen, die mich zum Weitergehen ermutigen. Mei Yi und eine Pilgerfreundin aus der Schweiz, die im schwierigsten Moment für mich da sind. Der Wirt in der Pension F&F in der Calle Fray Rosendo Salvado, der mir so freundlich seine Unterstützung anbietet. Meine Schwester Petra, die mir eindringlich rät, den Weg zu Ende zu gehen. Luisa, die ich am Morgen meines Aufbruchs in Richtung Finisterre an der Bushaltestelle zum Flughafen ein letztes Mal sehe und die mich fest in den Arm nimmt. John und Art, die mich in Negreira einladen, mich zu Ihnen an den Tisch zu setzen und mit ihnen zu Abend zu essen, und mich so für ein paar Stunden meine Trauer und Wut vergessen lassen. Sandra, die ich tags darauf ebenfalls unterwegs treffe. Wir sind wieder eine kleine Gruppe: John aus England, Art aus Amsterdam und Sandra aus Kanada.

Drei Tage bin ich mit ihnen gemeinsam unterwegs von Santiago nach Muxia, weitere 90 Kilometer, die den Rummel auf dem letzten Teilstück von Sarria bis Santiago vergessen lassen. Ein zauberhafter Weg durch Eukalyptuswälder, mystische Stimmungen im nebelverhangenen Morgengrauen, kleine Dörfer, hügelige Landschaft.

Gemeinsame Mahlzeiten, geteilte Erlebnisse, Reden, Lachen, Schweigen. Teils gehe ich allein, teils tut es mir gut, mich meiner neuen kleinen Camino-Familie anzuschließen. Die Abende verbringen wir gemeinsam. Es ist ein würdiger Abschied einer langen Reise, die mir inzwischen so viel länger erscheint, als man in 900 Kilometern ermessen kann.

Morgen gehen wir ans Ende der Welt.

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