Tag 15: Población de Campos – Calzadilla de la Cueza (06.06.2017)

Meseta

Als ich heute früh mit Sack und Pack meine Luxuskabine verlasse, herrscht schon ein bisschen Aufregung in der Selbstversorgerküche. Unsere Hospitaleros wollten uns eigentlich Kaffee und ein kleines Frühstück bereithalten, haben es aber anscheinend vergessen. Irgendwo in meinem Beutel finde ich noch eine Notration löslichen Kaffee.

Heute steht Meseta pur an. Es gibt für den Anfang zwei Wegvarianten. Der offizielle Weg führt an der Straße entlang, immer geradeaus. Ich entscheide mich für den kleinen Umweg und damit die schönere Nebenroute am Bach entlang und bin ganz froh mit dieser Variante. In Villalcázar de Sirga treffe ich dann wieder auf die „Pilgerautobahn“. Hier beginnt für mich der wirklich harte Teil der Meseta. Kilometer um Kilometer immer geradeaus, an der Straße entlang, die zugegebenermaßen wenig befahren ist. Aber es gibt kaum Schatten, und das Auge findet auch keine Abwechslung.

Bereits um halb elf Uhr erreiche ich nach 17 Kilometern Carrión de los Condes, viel zu früh für eine längere Pause und auch viel zu früh, um die Nacht hier zu verbringen. Danach steht eine 18 Kilometer lange Strecke an, ohne Einkehrmöglichkeit. Ich habe genügend Wasser dabei, ein paar Reiswaffeln, eine Avocado. Es ist nicht sehr heiß, aber es weht ein trockener Wind. Mein Vorwärtsdrang siegt gegen die Vernunft. Ich weiß gar nicht, warum ich es eigentlich so eilig habe. Es treibt mich einfach voran.

Hinter dem Ort übersehe ich den gelben Pfeil und muss nochmal einen halben Kilometer zurücklaufen. Die Piste führt schnurgeradeaus. Der warme Wind trocknet mich aus. Ich schleppe ziemlich schwer an meinen zusätzlichen Wasservorräten. Vor und hinter mir kaum ein Pilger. Hin und wieder überholt mich ein Radfahrer. Das „Buen Camino“, das wir uns zurufen, ist alles, was mir gerade an Unterhaltung gegönnt ist. Ich versuche, es möglichst fröhlich klingen zu lassen, hauptsächlich um mir selbst Mut zuzusprechen. – Immerhin: Es gibt mittlerweile Bäume am Wegesrand, die immerhin schon so hoch sind, dass sie ein bisschen Schatten werfen. Aber insgesamt bietet die Landschaft wenig Abwechslung. Der Weg scheint endlos, und ich sehe auch weit und breit keinen Ort. Die öde Gegend spiegelt sich in negativen Gedankenspiralen.

18 Kilometer ohne jede Unterbrechung im Niemandsland und keine Pilger vor oder hinter mir. Ich habe keine Orientierung mehr und auch keine Idee, wie weit es noch ist bis nach Calzadilla de la Cueza. Das Handbuch von Raimund Joos, auf das ich mich bis hierher immer gut verlassen konnte, führt mich heute hier auch in die Irre. Angeblich soll etwa 6,5 Kilometer vor Calzadilla eine gepflasterte alte Römerstraße die Piste unterbrechen. Aber die Römerstraße kommt und kommt nicht. Irgendwann bin ich überzeugt, dass ich offensichtlich falsch gegangen bin. Rechts ab vom Weg sehe ich in weiter Ferne ein Dorf. Vielleicht hätte ich dort hingehen sollen. Was mache ich bloß? Umdrehen, mich nach rechts wenden …?

Ich entscheide mich dafür, weiter geradeaus zu gehen. Aber wohl ist mir nicht dabei. Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht vor mir etwas auf, das die Ebene unterbricht. Die helle Piste und das Sonnenlicht strengen meine Augen an, ich kann nicht mehr gut sehen. Es könnte ein Kirchturm sein. Es dauert eine ganze Weile, bis ich wirklich sicher bin. Tatsächlich! Es ist ein Kirchturm. Ich habe es geschafft!

Calzadilla de la Cueza wirkt auf mich wenig einladend. Bis Ledigos wären es noch fast sieben weitere Kilometer. Ich bin hundemüde und entscheide mich zu bleiben, obwohl ich mich an diesem Ort nicht besonders wohl fühle. Zum ersten Mal liege ich in einem Schlafsal mit etwa 40 Betten. Die Duschen sind verstopft, das Wasser umspült meine Knöchel, der Dusch-Schlauch ist völlig durchlöchert, so dass das Wasser überall austritt, bevor ein kleines Rinnsal die Brause verlässt. Ich sehne mich nach einer Toilette mit einem Stück Seife neben dem Waschbecken.

Den restlichen Nachmittag und auch den Abend beim Essen verbringe alleine unter vielen. Was mir die unerwünschte ganz besondere Aufmerksamkeit des Kellners einträgt, der wohl glaubt, er müsse die einsame Pilgerin aus Deutschland trösten, indem er mir dauernd den Kopf tätschelt. Wenn der seine Finger nicht bei sich sich lässt, werde ich wohl deutlicher werden müssen! Zum Glück bekommt er dann richtig viel zu tun, so dass er sich nicht mehr so um mich kümmern kann.

Genervt fange ich an, mit einer Freundin in Deutschland WhatsApp-Nachrichten hin- und herzuschreiben. Das ist im Moment die einzige Möglichkeit, auf der Stelle diesen Ort zu verlassen. Wenigstens virtuell.

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