Stromausfall … und warum ich Geschichten mag

Ich war bezeichnenderweise gerade dabei, im Internet nach einem Lesekreis in der Nähe zu recherchieren, als es passierte: auf einmal gingen meine Schreibtischlampe und der Computer aus. Rings herum in den Häusern auch kein Licht, was zugegebenermaßen an einem Wintersonntagmorgen gegen sechs Uhr nicht gerade ungewöhnlich ist. Immerhin ließ der Schein einer Taschenlampe im Haus gegenüber vermuten, dass ich nicht als einzige im Dunkeln saß.

Ich tastete mich durch die Wohnung zu einer Schublade, in der ich diverse Taschenlampen aufbewahre. Glücklicherweise hatte ich die Stirnlampe schnell parat, die immer griffbereit auf einer Kommode obenauf liegt. Damit inspizierte ich den Sicherungskasten, der – Ach herrjeh, ja: Ich müsste mal wieder ausmisten! – mit allerhand Haushaltsvorräten zugestellt war. Also erstmal den halben Wandschrank ausräumen, bevor ich feststellen konnte: Fehlanzeige! Das Problem musste tatsächlich woanders liegen.

Wen ruft man an, wenn man einen allgemeinen Stromausfall feststellt? Ich muss gestehen, ich hatte keine Ahnung. Glücklicherweise hatte mein Handy noch ein bisschen Saft, so dass ich googeln konnte. Was wären wir nur ohne unsere elektronische Krücke. Ohne die hätte ich im übrigen die Störungsstelle des Netzbetreibers nicht mal anrufen können, denn das Telefon hängt ja logischerweise auch am Stromnetz. Der freundliche Herr in der Leitstelle versicherte mir, dass sie gleich jemanden losschicken werden, um nach dem Rechten zu sehen. Ich war tatsächlich bisher die einzige Anruferin. Vermutlich hat ein Großteil der Betroffenen, den Ausfall komplett verschlafen.

Immer noch im Dunkeln tat ich das einzig aktuell Machbare. Ich zündete eine Kerze an, rollte meine Yogamatte aus und entspannte erst mal bei ein paar lockernden Körperübungen und einer längeren Meditation. An die, die sich das jetzt nicht vorstellen können: Ich hatte schon meine morgendliche Tasse Cappuccino intus. Ohne die wäre es vermutlich ganz anders gelaufen.

So aber saß ich auf meiner Matte mit geschlossenen Augen und konzentrierte mich auf meinen Atem und ein Mantra. Denen, die immer sagen, sie könnten nicht meditieren, weil sie dabei nicht zur Ruhe kommen, sei versichert: Jedem, der meditiert, ob seit kurzem oder auch bereits seit Jahren, geht es immer wieder so. Nach einer Weile stellst Du fest, dass Dein Geist Kapriolen beschreibt und so ganz eigene Wege geht. Bei so einem Charakter wie dem meinen, der zwar gerne ein bisschen Abenteuer hat, aber doch eher nicht seine Sicherheit und Kontrolle aufgeben möchte, rollt der Geist sofort ein Szenario aus, das unweigerlich in einer Katastrophe für die Menschheit enden muss. Glücklicherweise bemerkt mein innerer Beobachter das nach jahrelanger Übung schon frühzeitig, so dass ich meinen Geist bereits bei dem Gedanken an den Kühl- und Gefrierschrank stoppen konnte, bevor das Innenleben darin zu tanzen anfing.

Geschichten. Mein Kopf produziert andauernd irgendwelche Geschichten. Seit ich einen Kurs zum Kreativen Schreiben belegt habe, kommt mein Unterbewusstsein sogar manchmal nachts mit einem vollständig, lückenlos gebastelten Plot um die Ecke, wie ich den bei vollem Bewusstsein nicht besser hätte ersinnen können. Ich bin mir auch sicher, dass es genau die Geschichten sind, die uns verbinden. Wie viele Geschichten habe ich nicht auf dem Jakobsweg gehört. Und wie viele hätte ich zu erzählen. Wir alle erfinden täglich Geschichten, wir hören sie, wir schauen uns Filme an, wir lesen. Aber das Erzählen, das ist irgendwie auf der Strecke geblieben, und das nicht erst seit Corona. Ich sehne mich danach, Geschichten zu erzählen und zu hören, gemeinsam zu erfahren und zu begreifen. So wie man vor grauer Vorzeit vielleicht am Feuer gesessen und sich Geschichten erzählt hat.

Geschichten bilden, sie erzählen vom Leben lassen uns eine andere Perspektive einnehmen. Sie machen uns das Universum der anderen begreiflich und gewinnen uns für eine andere Denkweise, die eben nicht nur um die eigene Achse dreht. Für mich als Kind waren sie die Rettung aus der mir manchmal unverständlichen Welt der Erwachsenen. Wenn es zu arg wurde, ging ich einfach hinüber in eine Parallelwelt, in der die Helden meiner Bücher regierten, schipperte mit Huck Finn und Tom Sawyer den Mississippi hinunter oder lebte als Gestrandete bei Robinson Crusoe auf einer Insel fernab der Zivilisation. Und wenn ich nachts nicht schlafen konnte, unterhielt ich mich mit allen Gestalten und Fabelwesen, die mir je begegnet waren, bevor ich irgendwann einfach in einen traumreichen Schlaf fiel.

Während ich so da saß auf meiner Yogamatte, durchbrach das Telefonklingeln jäh die Stille und riss mich aus meinen Gedanken, die sich völlig verselbständigt hatten. Der Strom war also wieder da.

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